Die Autofokus-Performance des OM-System OM-1 wird im Netz kontrovers diskutiert. Da gibt es den ehemaligen Markenbotschafter Robin Wong in seinem Video “OM SYSTEM OM-1 – Where Is The Wow?” den Hinweis, dass der Autofokus des OM-1 langsamer ist als der der E-M5 Mark III. Daraufhin reagierte Peter Forsgard (damals noch Markenbotschafter von OM System) mit seinem Video “OM-1: Let’s talk about S-AF”, dass das nicht der Fall ist. Da kann man sich als Anwender schon einmal fragen, wer denn nun recht hat. Mit diesem kleinen Autofokus-Guide versuche ich ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.
Die Krux beim Autofokus ist, dass dies nicht so eindeutig ist. Die Performance des Autofokus hängt von vielen Faktoren ab. Die Einstellungen sind ein Punkt. Aber auch der Anwendungsfall und das Können des Fotografen sollte man nicht unterschätzen. Dazu kommt noch, dass sich die Technologien unterscheiden können. Dadurch kann es natürlich bei einem Anwendungsfall zu einer Verschlechterung, bei dem anderen Anwendungsfall aber zu einer Verbesserung.
Ich werde hier sicherlich nicht dem einen oder dem anderen Recht geben. Vielmehr will ich die einzelnen Einstellungen erklären, sodass jeder die Kamera nach seinem Anwendungsfall anpassen kann. Mein Ziel ist es, jeden in die Lage zu versetzen, einzuschätzen, welche Einstellung bei einem Problem vielleicht helfen kann, um dieses abzustellen.
Autofokus Arten
In der Fotografie werden zwei verschiedene Autofokusarten eingesetzt. Zum einen der Phasendifferenz Autofokus (AF), zum anderen der Kontrast-AF. Letzterer wurde bei den spiegellosen Kameras der ersten Generationen exklusiv eingesetzt, bis die Technologie es erlaubte den Phasendifferenz AF direkt auf den Aufnahmesensor zu integrieren. Im Folgenden kurz erklärt, wie die beiden Systeme funktionieren. Wollt ihr das Thema im Detail verstehen, dann gibt es bei Elmar Baumann einen guten Artikel der zwar ein wenig veraltet ist, das Thema aber gut zusammenfasst.
Kontrast Autofokus
Der Kontrast AF funktioniert nach einem sehr einfachen Prinzip. Ein Bild ist nämlich dann scharf, wenn es den höchstmöglichen Kontrast besitzt. Hierauf setzt der Kontrast AF. Aber misst die Kamera kontinuierlich den Kontrast und meldet ein scharfes Bild bei dem Kontrastmaximum. Dabei gibt es allerdings zwei grundsätzliche Probleme, die diese Methode langsam macht. Erstens weiß die Kamera erst, ob sie in die richtige Richtung fokussiert ist, nachdem sie bereits mit dem Fokussieren begonnen hat. Im ungünstigsten Fall muss sie also stoppen und die Richtung umkehren. Zweitens kann ein Maximum nur dadurch erkannt werden, indem man bei der Messung über das Maximum hinweg fährt und danach wieder zum Maximum zurückkehrt. Beides hat zur Folge, dass der Kontrast AF langsamer als der Phasendifferenz-AF ist.

Phasendifferenz Autofokus
Der Phasendifferenz Autofokus wird im Prinzip seit der Einführung von AF-Spiegelreflexkameras verwendet. Spiegelreflexkameras hatten schon immer einen separaten Sensor. Bei spiegellosen Systemkameras wurde das Prinzip in den Aufnahmesensor selbst integriert. Die Olympus E-M1 (erste Generation) war eine der ersten Kameras mit dieser Technologie.
Bei dieser Technologie schaut man auf denselben Punkt aus zwei leicht unterschiedlichen Perspektiven. Ähnlich wie bei den Augen. Zwei leicht versetzte Sensoren sorgen für denselben Effekt. Sind beide Bilder deckungsgleich, ist das Bild scharf. Diese Technologie erlaubt aber noch wesentlich mehr. Je nachdem, wie der Unterschied beider Sensoren ist, kann festgestellt werden, in welche Richtung fokussiert und wie weit das Objektiv verstellt werden muss. So sind im Gegensatz zur Kontrastmessung eigentlich nur zwei Messungen notwendig. Eine beim Losfahren und eine bei der Ankunft der berechneten Position, um zu verifizieren, ob das Bild auch wirklich scharf ist. Dadurch ist diese Technologie schneller als die Kontrast AF Technologie.

Autofokus System in der OM-1
Die OM-1 verwendet je nach Einstellung beide Autofokus Systeme und verwendet je nach Situation eines oder beide Systeme. Allerdings nicht immer beide gleichzeitig. Der S-AF Modus verwendet zur Fokussierung den Kontrast AF und zieht den Phasendifferenz AF nur zur Verbesserung der Genauigkeit hinzu. Im C-AF Modus ist, so fern genügend Licht vorhanden ist, ausschließlich der Phasendifferenz AF im Einsatz. Fällt der Wert unter einen bestimmten Wert, kommt der Kontrast AF zum Einsatz, weil dieser eine höhere Lichtempfindlichkeit besitzt. Dies führt allerdings zu einer schlechteren Genauigkeit, weil der Kontrast AF für den Anwendungsfall C-AF nicht so gut geeignet ist wie der Phasendifferenz AF.
Zusätzlich unterstützt die intelligente Objekterkennung das Autofokussystem sowohl im S-AF als auch im C-AF Modus. Die Gesichtserkennung ist im Übrigen auch eine Art intelligenter Objekterkennung, wird in der OM-1 nur nicht so genannt, weil sie im Gegensatz zur Objekterkennung nicht auf der Auswertung von unendlich vielen Bildern beruht, sondern eine Mustererkennung ist. Technisch also etwas anderes ist. Näheres findest du in meinem Artikel “Intelligente Objekterkennung der OM SYSTEM OM-1“
Phasendifferenz AF der OM-1
Die OM-1 besitzt einen sogenannten Quadpixel Bayer Pattern Sensor, d.h. jedes Pixel ist noch einmal in 4 Subpixel unterteilt, die separat angesteuert werden. Dadurch ist es möglich, theoretisch jedes Pixel auch als Phasendifferenzsensor einzusetzen. In der Realität gibt es allerdings “nur” 1053 Fokuspunkte, weil der Abstand der beiden Phasendifferenzsensoren für den AF möglichst weit auseinander liegen muss. Da man die Auslosung auch diagonal machen kann, sind mit diesem Sensor Kreuzsensoren realisierbar, die weniger Probleme mit rein horizontalen/vertikalen Strukturen haben.

Das AF System der OM-1 verwendet normale Bildpixel (die E-M1 Mark II und E-M1 Mark III hatten noch unabhängige Sensoren zum Fokussieren) und kann deshalb, während das Bild ausgelesen wird, keine AF-Informationen sammeln. Dies war bei den Vorgängerkameras noch möglich. Dies könnte eine mögliche Ursache sein, wenn der eine oder andere Anwender das Gefühl hat, dass der C-AF der OM-1 ein wenig unpräziser ist. Aufgrund der verbesserten Auslese- und Verarbeitungsgeschwindigkeit sowie der Unterstützung durch die intelligente Objekterkennung fällt das sicherlich nicht besonders ins Gewicht.
Im nächsten Teil werde ich mich den AF Einstellmöglichkeiten der OM-1 widmen. Solltet ihr noch Fragen haben oder wollt ihr, dass ich über bestimmte Funktionen des AF Systems schreibe, hinterlasst mir doch einen Kommentar.
Hallo Michael,
Das sind wirklich die besten Erläuterungen in deinem AF-Guide zu der OM-System OM-1
welche ich bisher im Internet gelesen habe, vielen Dank dafür.
Viele Grüße aus Berlin,
Hartmut
Hallo Hartmut,
vielen Dank für das Kompliment. Ich freu mich dass dir die Erklärungen gefallen haben.
Michael
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