Im April habe ich direkt hinter dem Haus einen Buntspecht beim Hämmern erwischt. Er hatte sich eine Nisthöhle in einem alten Baum gezimmert. Von meiner Wohnung sind es nur ein paar Schritte bis zur Bruthöhle. Seitdem stand die Kamera täglich bereit, und ich bin täglich zweimal morgens und abends zum Fotografieren gegangen.
In den Wochen danach habe ich beobachtet, dokumentiert und ein Verhalten gesehen, das ich so noch nie fotografiert hatte.
Der Baum hinter dem Haus
Den Baum kenne ich seit Jahren. Er hat mehrere Höhlen, und ich weiß schon länger, dass Buntspechte dort nisten. Was dieses Jahr anders war: Ich wollte die Brut von Anfang an systematisch festhalten.

Buntspechte zimmern übrigens jedes Jahr eine neue Höhle. Die alte wird dann von Meisen, Kleibern oder anderen Höhlenbrütern übernommen — manchmal von mehreren Arten nacheinander, Jahr für Jahr. In meinem Fall, sind die anderen Höhlen allerdings noch nicht besetzt, nur in der neuen Höhle war Leben.
Verhalten der Altvögel
Die ersten Wochen waren ruhig. Das brütende Tier war da, aber viel passierte nicht. Buntspechte brüten rund zwölf Tage; beide Elternteile wechseln sich ab. Was mich fasziniert hat: wie still und konzentriert das geht. Kein Rumflattern, keine Nervosität. Nur beim Anflug und beim Abflug gab es eine kurze Begegnung.
Sobald die Jungen geschlüpft waren, änderte sich das schlagartig. Plötzlich kamen beide Elternteile im Abstand von wenigen Minuten, jedes Mal mit vollem Schnabel.


Das Junge
Das Junge ließ sich nicht sofort blicken. Zuerst hörte man nur ein leises Betteln aus der Höhle — das lauter wurde, je hungriger es wurde. Dann erschien ein Kopf im Eingang. Neugierig, mit dem typischen roten Fleck auf dem Hinterkopf, den Jungvögel beider Geschlechter tragen. Vor Jahren hat das Betteln übrigens meine Aufmerksamkeit erregt und ich habe dadurch den Baum erst entdeckt. Tage lang hatte ich bei offenem Fenster das typische Geräusch gehört und wurde neugierig und musste die Ursache herausfinden.
Von da an ging es schnell. Innerhalb weniger Tage war das Junge spürbar größer und der Drang nach draußen merklich stärker.

Ein Verhalten, das die meisten nie sehen: die Nestpflege
Dann sah ich es zum ersten Mal: Der Altvogel fliegt aus der Höhle — mit einem Kotballen im Schnabel. Buntspechte reinigen das Nest aktiv, entfernen regelmäßig den Kot der Jungen und reduzieren damit das Risiko von Krankheiten und Parasitenbefall.


Was ich fotografisch gelernt habe
Eine Brutdokumentation direkt vor der Haustür klingt unkompliziert. War sie nicht immer.
Licht und Position: Hinter unserem Haus stimmt das Licht am frühen Morgen und am späten Nachmittag. Mittags steht die Sonne zu hoch und die Schatten sind zu hart. Ich habe früh eine feste Position gesucht, von der aus ich den Höhleneingang gut im Blick hatte, ohne den Vogel zu stören. Der Specht kommuniziert im Übrigen ziemlich deutlich, wenn etwas in der Nähe deiner Bruthöhle nicht stimmt. So konnte ich beobachten, wie sich ein Eichhörnchen zu sehr näherte und der Specht aufgeregt Alarm schlug.
Verschlusszeit: Buntspechte sind schnell. Beim Anflug und Füttern braucht es mindestens 1/1000 Sekunde, besser 1/2000, um Bewegungsunschärfe zu vermeiden.
ProCapture für den Abflug: Der Vogel geht in die Bruthöhle, du wartest. Er kommt raus, und bist du den Auslöser gedrückt hast, ist er schon weg. Mit der ProCapture-Funktion meiner OM-1 habe ich genau diese Bilder zuverlässig erwischt. ProCapture puffert Aufnahmen bereits bevor man den Auslöser ganz durchdrückt, sodass auch ein plötzlicher Abflug im Kasten landet. Mehr dazu in meinem Artikel zu den OM-1 Benutzermodi und ProCapture.

Abstand: Das Wichtigste. Ich habe großzügig Abstand gehalten und die Kamera so positioniert, dass der Vogel mich nicht mit dem Nistplatz verbindet. Mit dem M.Zuiko Digital 150-400mm f/4.5 PRO war das problemlos: Das Objektiv liefert auch aus großer Distanz genug Brennweite und Bildqualität. Brutvogelschutz geht vor. Außerdem bekommst du die Bilder natürlich nur wenn sich der Vogel ungestört fühlt und nicht ständig gestresst ist.
Geduld: Die guten Momente passieren, wenn man ruhig wartet. Wer den Rhythmus der Altvögel kennt, kann die entscheidenden Augenblicke antizipieren.
Fazit
Ich hätte nicht gedacht, dass ich für so eine Dokumentation nicht mal aus dem Garten muss. Die Wochen mit dem Buntspecht waren nicht weniger aufregend als eine Fotoreise — nur leiser und mit kürzerem Anfahrtsweg.
Hast du in letzter Zeit interessante Naturbeobachtungen in deiner Nähe gemacht? Ich freue mich über Berichte und Fotos in den Kommentaren.