2026 wird OM System 90. Nicht die Marke OM System selbst, die es erst seit 1972 gibt, sondern die Kamerafertigung, die bis zur optischen Abteilung von Olympus im Jahr 1936 zurückreicht. Ich selbst bin 1972 geboren, im gleichen Jahr, in dem Olympus die OM-1 auf den Markt brachte. Eine Kamera und ich, gleich alt, das ist mir erst beim Schreiben dieses Artikels wirklich aufgefallen. Wirklich kennengelernt habe ich sie erst mit 16, als mein Vater mir seine OM-1 in die Hand gedrückt hat, weil ich in der Foto-AG meiner Schule war und endlich selbst fotografieren wollte.
OM System selbst wird das Jubiläumsjahr mit eigenen Inhalten, offiziellen Rückblicken und einer neuen Kamera feiern. Das ist deren gutes Recht und wird sicher hübsch produziert. Ich will hier etwas anderes machen: meine eigene Version der letzten 90 Jahre erzählen, angefangen bei der Kamera meines Vaters, und mit der Frage, die mich seit 2020 nicht loslässt: Ist das, was heute OM System heißt, noch dieselbe Marke, die 1972 die OM-1 gebaut hat, die Kamera, mit der ich fotografieren gelernt habe?

Der Name, der zweimal erfunden wurde
Die eigentliche Geschichte beginnt nicht 1936, sondern 1972, mit einer Kamera, die ursprünglich gar nicht OM-1 heißen sollte. Yoshihisa Maitani, der Chefdesigner bei Olympus, wollte eine Spiegelreflexkamera bauen, die kleiner und leiser war als alles, was die Konkurrenz zu bieten hatte. Er nannte sie M-1, nach sich selbst. Leitz, die Firma hinter Leica, fand das nicht lustig. Ihre eigene M-Serie gab es schließlich schon. Olympus lenkte ein und machte aus M-1 kurzerhand OM-1, “Olympus Maitani”. Nur ein paar tausend Kameras wurden noch unter dem ursprünglichen Namen ausgeliefert, bevor die Umbenennung griff. Aus einem Namensstreit wurde die Bezeichnung, die 50 Jahre später eine ganze Firma tragen würde.
Diese paar tausend M-1 sind heute entsprechend selten, und genau eine davon steht mittlerweile bei mir im Schrank. Ich habe sie mir vor einigen Jahren gekauft, nicht wegen des Sammlerwerts, sondern weil sie näher an dem Moment ist, an dem alles angefangen hat, als jede spätere OM-1. Eine kleine Ironie der Geschichte: Die Kamera meines Vaters, mit der ich fotografieren gelernt habe, existiert nicht mehr. Aber die Urversion davon, unter dem Namen, den es offiziell nie lange geben durfte, steht heute bei mir.
Was die OM-1 damals so besonders machte, war nicht nur ihre Größe. Sie war eine kompromisslose Kompaktheit, die zeigte, dass eine Spiegelreflexkamera nicht klobig sein muss, um professionell zu sein. Genau das war es auch, was mir als 16-Jährigem sofort auffiel, als ich die Kamera meines Vaters zum ersten Mal in der Hand hielt: Sie war leicht genug, um sie den ganzen Schultag über in der Tasche mitzuschleppen, und trotzdem eine vollwertige Spiegelreflex, mit der die Foto-AG ernsthaft arbeiten konnte. Ein Gedanke, der sich durch die ganze OM-Geschichte zieht, bis heute im Micro-Four-Thirds-Format der aktuellen OM-1 Mark II.

Die Jahre, in denen OM die Fotowelt mitgeprägt hat
Auf die OM-1 folgten OM-2, OM-3, OM-4, eine Reihe, die unter Fotografen bis heute Kultstatus hat. Die OM-1 meines Vaters war meine erste eigene Kamera, in dem Sinne, dass er sie mir überlassen hat, sobald klar war, dass ich mehr wollte als nur ein paar Ferienfotos. Die 70er und 80er Jahre waren die Blütezeit, in der Olympus mit Canon und Nikon auf Augenhöhe um die Gunst professioneller Fotografen kämpfte, nicht um die größte Kamera, sondern um die durchdachteste.
Dann kam die Autofokusrevolution, die Olympus leider verschlafen hat und damit bei Spiegelreflexkameras ins Hintertreffen geriet.
Zum Beginn der Digitalisierung, war Olympus allerdings wieder mit vorne dabei. Lange Zeit war Olympus im Bereich der digitalen Kompaktkameras Marktführer. Dann dachte Olympus die Spiegelreflexkamera ganz neu und digital und führte das Four-Thirds- und später Micro-Four-Thirds-System vor und brachte das E-System und die OM-D-Reihe auf den Markt. Technisch oft innovativ, mit Bildstabilisierung und Sucherlösungen, die anderen Herstellern Jahre voraus waren. Woran es haperte, war nie die Technik. Es war die Kommunikation. Olympus hat immer wieder Dinge gebaut, die den beiden Großen technisch voraus waren, aber nie geschafft, das so zu erklären, dass die breite Masse der Fotografen den Nutzen verstanden hat. Ein gutes Produkt zu bauen ist die eine Sache, der Masse zu erklären, warum sie es braucht, eine ganz andere. Das ist Olympus über Jahre nicht gelungen, und es ist ein Muster, das mir bis heute auffällt, wenn ich mir anschaue, wie OM System heute kommuniziert.
Der Bruch, den keiner kommen sah
Im Oktober 2020 verkaufte Olympus seine gesamte Kamerasparte an Japan Industrial Partners. Die Firma wollte sich als Medizintechnik-Unternehmen neu aufstellen. Die Fotografie war für Olympus als Konzern zu einem Nebenschauplatz geworden. Aus der abgespaltenen Kamerasparte wurde OM Digital Solutions, ein eigenständiges Unternehmen ohne den Namen Olympus auf dem Türschild.
Ich habe darüber schon einmal geschrieben, kurz nachdem OM Digital Solutions mit ihrer “Kachou Fuugetsu”-Kampagne versucht hat, sich selbst eine Identität zu geben (siehe Die Suche nach der Identität). Damals war ich skeptisch, ob eine Firma, die sich gerade neu erfindet, mit einem einzigen Marketingvideo eine über Jahrzehnte gewachsene Markenbindung ersetzen kann.

2026, sechs Jahre später, kann ich sagen: OM Digitalsolutions ist auf einem guten Weg, sich als Outdoor-Kameramarke in einer Nische zu positionieren. Nicht nur mit Produkten sondern auch in der Kommunikation. Inzwischen ist die Mehrheit der Kameras spritzwasser- und staubgeschützt, und auch die Objektive ziehen Stück für Stück nach. Der Eigentümerwechsel im April 2026, bei dem CEO Shigemi Sugimoto über OJ Holdings die Mehrheitsanteile übernommen hat, zeigt, dass das Unternehmen auch strukturell weiterhin in Bewegung ist. Neunzig Jahre Kontinuität sind das nicht, eher neunzig Jahre, die sich immer wieder neu erfinden mussten, um zu überleben.
Was technisch tatsächlich übrig geblieben ist
Bei aller Marken-Diskussion darf man nicht vergessen, was OM System heute tatsächlich kann. OM System ist noch immer der Marktführer in der Gehäuse-Bildstabilisierung, auch wenn es inzwischen keinen Hersteller mehr gibt, der diese Technologie nicht anbietet. Außerdem sind sie wieder einmal Technologievordenker und bieten viel Computational Photography in der Kamera an. Live Composite und Live ND sind nur zwei von vielen Funktionen, die das Leben der Fotografen einfacher machen. Das ist die eigentliche Kontinuität zwischen der OM-1 von 1972 und der OM-1 Mark II von heute: nicht der Name allein, sondern die Haltung, kompakte Systeme zu bauen, die technisch mehr können, als ihre Größe vermuten lässt.
Der 9. September
Ein Detail zum Schluss, das ich beim Schreiben dieses Artikels noch als vages Gerücht kannte und das sich seitdem konkretisiert hat. OM System selbst hat inzwischen nachgelegt: Auf dem eigenen YouTube-Kanal ist ein Teaser aufgetaucht, schlicht “Stay tuned. Something new is coming.” betitelt. In der Beschreibung dahinter steckt das eigentliche Datum: ein “Virtual First Look Event” am 9. September 2026. Was genau gezeigt wird, verrät OM System nicht, aber die Gerüchteküche ist sich inzwischen recht einig: Es soll eine neue PEN-Kamera werden, kein Nachfolger der legendären PEN-F, sondern eher ein erschwinglicheres Mittelklasse-Modell unterhalb der OM-3, offenbar unter der Modellnummer IM042 registriert. Vielleicht ein Ersatz der E-M10-Serie, die schon lange auf eine Aktualisierung wartet, und die letzte Kamera ist, die noch den Olympus-Namen trägt.
Falls es tatsächlich eine PEN wird, hat das für mich noch eine zweite, schönere Pointe. Die PEN war 1959 Maitanis erste große Erfindung, kompakt und kompromisslos, genau wie später die OM-1. Zwei Baureihen, ein Designer, ein roter Faden. Und interessant wird es auch, wenn man sich anschaut, wann die allererste Kamera aus diesem Haus auf den Markt kam: Die Semi-Olympus I von 1936. Manche, nicht durchgängig bestätigten Quellen nennen dafür ebenfalls den September. Ein offizielles Jubiläumsdatum hat die Firma bis heute nicht kommuniziert, aber dass ausgerechnet der 9. September, fast neunzig Jahre nach dem mutmaßlichen Marktstart der allerersten Kamera aus diesem Haus, zum Termin für “etwas Neues” wird, ist zumindest eine hübsche Koinzidenz.
Warum ich trotzdem dabei bleibe
Auch wenn ich schon seit mehr als 4 Jahren nicht mehr bei OM Digitalsolutions als Produktmanager arbeite, bin ich von dem Konzept noch immer überzeugt. Speziell für Wildlife-Fotografen gibt es keine bessere Alternative. Größe und Gewicht sind für mich ein unschlagbares Argument dafür, dass mein Leben so viel einfacher ist, dass ich die kleineren Nachteile, die das System bietet, mehr als verschmerzen kann.
Wenn ich heute mit der OM-1 im Feld sitze und auf Wildlife warte, steht zu Hause im Schrank noch immer die M-1, mit der alles begonnen hat. Neunzig Jahre sind eine lange Zeit für eine Kamerafirma, die es in dieser Form eigentlich schon zweimal nicht mehr hätte geben sollen. Dass 2026 trotzdem gefeiert werden kann, sagt mehr über die Hartnäckigkeit der Menschen dahinter aus als über gute Unternehmensplanung, und ein bisschen auch über meine eigene.
Was war deine erste Olympus- oder OM-Kamera? Schreib es mir gerne in die Kommentare. Ich bin gespannt, wie viele von euch die Marke schon länger begleiten als ich.