OM System: KI-Upscaling vs. neue Hardware – warum der Sensor gewinnen sollte
OM System: KI-Upscaling vs. neue Hardware – warum der Sensor gewinnen sollte

OM System: KI-Upscaling vs. neue Hardware – warum der Sensor gewinnen sollte

In einem Interview im Juli 2025 mit PetaPixel hat Eiji Shirota (Head of Product Management, Product Planning & Product Strategy bei OM Digital Solutions) dargelegt, weshalb OM Digital Solutions über KI-Upscaling nachdenkt, statt in einer neuen Kamera einen höher auflösenden Sensor zu entwickeln. Mit mehr Auflösung würden durch die größeren Datenmengen die computationalen Funktionen der OM-System-Kameras inakzeptabel langsam werden. Technisch überzeugt mich dieses Argument nicht. Neben der technischen Weiterentwicklung seit der Vorstellung der OM-1 im Jahr 2022 gibt es noch einen zweiten, psychologischen Grund, weshalb OM Digital Solutions jetzt eine Kamera mit neuem Sensor und neuem Bildprozessor vorstellen sollte.

Seit einem Jahrzehnt ist die Sensorauflösung konstant

Kaum zu glauben, aber bereits seit 2016, mit der Einführung der E-M1 Mark II, ist die Sensorauflösung bei Olympus / OM Digital Solutions konstant bei 20,3 Millionen Pixeln. Die OM-1, vorgestellt Anfang 2022, hat zwar einen technologisch neueren Sensor (Stacked BSI), der nicht nur die Auslesegeschwindigkeit sondern auch die Bildqualität verbessert, aber die Auflösung ist die gleiche geblieben. Damals wurde das damit begründet, dass der neue Sensor eine perfekte Balance zwischen Auflösung, Geschwindigkeit und Bildqualität liefert.

Analogfoto: Nahaufnahme mit 25mm Objektiv, ISO 200, f/5.6, 1/250s

OM Digital Solutions erwähnt im Interview mit PetaPixel selbst, dass viele der Fotografen Wildlife- und Vogelfotografen sind. Diese Anwender brauchen mehr Auflösung, um eventuell einen neuen Bildausschnitt zu wählen. Puristen würden jetzt schreien, ein guter Fotograf muss bereits bei der Aufnahme den richtigen Ausschnitt wählen. Diejenigen haben aber wahrscheinlich noch nie versucht, einen Vogel zu fotografieren. Im Gegensatz zu menschlichen Modellen machen die tierischen meistens nicht, was der Fotograf sich wünscht. Oft ist man als Fotograf glücklich, die Tiere überhaupt abgelichtet zu haben, und macht nachträglich die Bildkomposition.

Geschwindigkeit und Auflösung sind keine Trade-offs

Das Hauptargument von OM Digital Solutions, KI-Upscaling zu verwenden, statt einen Sensor mit höherer Auflösung zu entwickeln, ist der Geschwindigkeitsaspekt. Naturgemäß werden die Dateien, die durch einen Sensor mit höherer Auflösung entstehen, größer und erfordern eine längere Bearbeitungszeit. Diese würde laut OM Digital Solutions speziell für ihre computationalen Funktionen, wie zum Beispiel Live ND, inakzeptabel lang sein. Somit würde ein Alleinstellungsmerkmal von OM System Kameras geschwächt. Dieses Argument ist allerdings von meiner Seite nicht nachvollziehbar. Es ist nur valide, wenn man einen neuen Sensor mit dem vorhandenen TruePic X verwenden würde. Nun ist der TruePic X schon seit mehr als 4 Jahren auf dem Markt (eingeführt mit der OM-1 Anfang 2022). In der Halbleitertechnik verdoppelt sich, nach dem mooreschen Gesetz, die Geschwindigkeit alle 18-24 Monate. Somit könnte OM Digital Solutions also mit gleichbleibender Geschwindigkeit eine 4-fach größere Datenmenge verarbeiten.

Allen, die jetzt von einem Sensor mit 80 Megapixeln träumen, sei gesagt: Bei Micro Four Thirds würde ein solcher Sensor keinen Sinn ergeben. Die physikalische Grenze ist die Beugung. Nach dem Rayleigh-Kriterium (λ ≈ 0,55 µm) liegt bei der aktuellen Pixelgröße von rund 3,3 µm (20 Megapixel auf dem MFT-Sensor) die beugungslimitierte Blende bei etwa f/5. Jenseits davon bringt mehr Auflösung keine zusätzlichen Details mehr. Bei einer Verdopplung auf rund 32 Megapixel sänke dieser Wert auf etwa f/3,9.

Mont Saint Michel bei stürmischem Wetter

Das klingt nach wenig Spielraum, ist es aber nicht. OM Systems Wildlife-Referenzobjektive – das M.Zuiko Digital 150-400mm F4.5 PRO, das 300mm F4 PRO und das 40-150mm F2.8 PRO – sind alle lichtstärker als f/3,9. Wildlife Fotografen verwenden hauptsächlich die offener Blende. Damit erreichen sie eine gute Freistallung und kurze Belichtungszeiten, beides essentiell. Es gibt also noch Auflösungsreserve. Ein Sprung auf etwa 28 bis 32 Megapixel wäre damit sinnvoll nutzbar. Ein 80-Megapixel-Sensor dagegen nicht: Der Fotograf bekäme zwar eine größere Datei, durch Beugung aber nicht wirklich mehr Details.

Mit einem Sensor in dieser Größenordnung und einem neuen Bildprozessor sollte es zudem möglich sein, nicht nur die Auflösung zu erhöhen, sondern auch die Verarbeitungsgeschwindigkeit zu verbessern. Das zeigen andere Hersteller wie Sony, denen es mit neuen Sensor- und Prozessorgenerationen regelmäßig gelingt, beides gleichzeitig zu steigern, statt es gegeneinander auszuspielen.

Weshalb macht KI-Upscaling keinen Unterschied

In dem Interview erwähnt Eiji Shirota selbst, dass das Upscaling in der Kamera ähnlich wie das von vorhandenen Softwarelösungen wie Photoshop oder DxO funktionieren soll. Nur eben besser, weil OM Digital Solutions bereits wesentlich früher im Bearbeitungsprozess Zugriff auf die Daten hat. Das ist im Kern derselbe Denkansatz wie bei der KI-gestützten Rauschunterdrückung, die ich schon einmal eingeordnet habe. Auch dort ersetzt Software keine physikalisch bessere Datenbasis. Sie rechnet nur intelligenter mit dem, was der Sensor liefert.

Die bessere Qualität kann ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht beurteilen, und hier nur glauben, was Eiji im Interview sagt. Dennoch bezweifle ich, dass ein Qualitätsvorsprung bei der Entwicklungsgeschwindigkeit der KI im Moment lange vorhalten würde. Außerdem braucht auch das Hochskalieren eines Bildes mit KI Zeit. Im Falle einer Canon R1 sind es laut Internet mehrere Sekunden. Die Canon R1 wurde Anfang 2025 vorgestellt. Meiner Einschätzung nach würde OM Digital Solutions um einen neuen Bildprozessor nicht herumkommen, selbst wenn es auf KI-Upscaling setzt.

Die Vertrauensfrage

Dieses Muster ist nicht neu. Schon 2019 wurde die E-M1X dafür kritisiert, auf mindestens drei Jahre alten Komponenten aufzubauen. Damals reagierte der Hersteller mit der PR-Formel, man habe eine „balance of image quality and megapixels“ gefunden. Sechs Jahre später klingt das Argument im PetaPixel-Interview fast identisch.

OM-1 im Wald

Seit Olympus die Kamerasparte 2020 verkauft hat und OM Digital Solutions sie seither fortführt, hält sich in der Community der Eindruck, es gebe keine wirkliche Neuentwicklung mehr. In einem viel diskutierten DPReview-Forenthread fragen Nutzer offen, ob überhaupt je wieder ein OM-System-Modell mit neuem Sensor erscheinen wird. Auch admiringlight.com kritisierte die OM-3 als Wiederverwertung der OM-1-II-Komponenten: gleicher Sensor, gleicher TruePic-X-Prozessor, gleiche Objekterkennung – nur im neuen Gehäuse.

Nun ist Sensor-Wiederverwendung per se nichts Ungewöhnliches. Auch Sony verbaut im A1 II denselben Sensor wie im A1 von 2021. Panasonic nutzte seinen S1-Sensor von 2019 bis 2024. Der Unterschied liegt im Ausgangspunkt: Bei Sony und Panasonic war der wiederverwendete Sensor zum Zeitpunkt der Einführung konkurrenzlos. Bei Olympus/OM System war die Auflösung schon 2016 nicht Spitzenklasse. Heute liegt sie, verglichen mit Einsteiger-Vollformatkameras mit 24 bis 33 Megapixeln, sogar dahinter. Genau das unterscheidet die Kritik von reinem Whataboutism.

Für einen kleinen, spezialisierten Hersteller wie OM Digital Solutions wiegt das schwerer als für einen Sony oder Canon mit breitem Portfolio. Als Nischenanbieter kann sich das Unternehmen den Eindruck, nicht mehr wirklich neu entwickeln zu können oder zu wollen, am wenigsten leisten. Das beschädigt das Vertrauen in die Marke OM System stärker als jede einzelne Facelift-Kamera.

Fazit und Empfehlung

Mir ist durchaus klar, dass bei Entscheidungen, in welche Richtung die Entwicklung gehen sollte, neben dem technisch Machbaren andere Dinge eine wichtige Rolle spielen. So könnte es zum Beispiel sein, dass OM Digital Solutions gegenüber Sony vertraglich verpflichtet ist, eine gewisse Anzahl an Sensoren der OM-1-Generation abzunehmen. Ohne diese Einschränkungen zu kennen und ohne zu wissen, wie es wirtschaftlich um OM Digital Solutions steht, würde ich aus technischer Sicht einen neuen, höher auflösenden Sensor in Kombination mit einer KI-unterstützten Auflösungsverbesserung vorziehen. Die Argumente dafür habe ich oben genannt. Der marktpsychologische Effekt ist dabei sicherlich nicht zu vernachlässigen. Deshalb bin ich gespannt, ob wir am 9. September 2026, laut Gerüchten das Vorstellungsdatum einer neuen Kamera, tatsächlich ein Modell mit neuem Sensor zu sehen bekommen. Es wird sich zeigen, in welche Richtung sich OM Digital Solutions bewegt.

Wie seht ihr das? Ich freue mich über eure Sichtweise in den Kommentaren.

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